Schlachtschiff Bismarck | Das wahre Gesicht eines Schiffes
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  Kurt Langerwisch

Matrosenhauptgefreiter

Kurt Langerwisch

10,5 cm Flak, 6. Division

* 7.10.1916 in Brandenburg – † 28.6.1983

Matrosenhauptgefreiter  
Kurt Langerwisch Deutschland (1922)

Deutschland (1916)

Quellen:

Saskia Langerwisch (Enkelin) / Freiburg

Bernd Langerwisch (Sohn) / Berlin

Ralf Langerwisch (Sohn) / Ahrensfelde

WASt - Bundesarchiv

Stadtarchiv Brandenburg an der Havel

Kurt Langerwisch wurde am 7. Oktober 1916 in der Stadt Brandenburg an der Havel geboren. Er war das erste und blieb das einzige Kind von Anna Kubiak und Friedrich Friesecke, der Kraftfahrer von Beruf war. Die Eltern waren nicht verheiratet und gingen bald getrennter Wege. Am 3. April 1920 heiratete Anna Kubiak den gelernten Schlosser Hermann Langerwisch und nahm dessen Namen an. Auch Kurt erhielt den Nachnamen seines Stiefvaters. Für ihn wurde er zum Vater. 1922 wurde er in die Volksschule eingeschult und besuchte vier Jahre später die Mittelschule. Diese musste er mit 14 Jahren frühzeitig verlassen, da es seinen Eltern aufgrund von Arbeitslosigkeit nicht möglich war, weiter die Mittel hierfür aufzubringen. Direkt nach seinem Schulabschluss begann der noch sehr junge Kurt Langerwisch eine Lehre zum Dekorateur bei der Firma Siegmund Haagen. Diese schloss er 1934 mit 17 Jahren ab. Erste Berufserfahrung sammelte er anschließend bei der Firma Flakowski in Brandenburg. Seine Freizeit verbrachte der unternehmungslustige Kurt Langerwisch unter anderem mit Kanufahren. Dieses Hobby betrieb er sehr erfolgreich im örtlichen Kanuklub und wurde im Einer-Kanadier sogar deutscher Jugendmeister. Es war wohl auch die Unternehmungslust von der sich Kurt Langerwisch für die Marine begeistern ließ. Seefahrt versprach Abenteuer, Reisen in Länder die er sonst nie gesehen hätte, und dazu war die Marine ein sicherer Arbeitgeber und die Soldaten bei der Bevölkerung angesehen. So bewarb sich der neunzehnjährige Kurt Langerwisch 1936 bei der Kriegsmarine.

Kurt Langerwisch als Rekrut Die Einberufung erfolgte zum 1. Oktober 1936, eine Woche vor seinem zwanzigsten Geburtstag. Es sollte aber noch ein dreiviertel Jahr mit Grundausbildung und Landkommandos vergehen ehe Kurt Langerwisch zum ersten Mal an Bord eines Schiffes kommandiert wurde. Offiziell hatte sich der junge Matrose am 20. Juni 1937 an Bord des Leichten Kreuzers Königsberg einzufinden, doch befand sich dieser gerade auf Reise in norwegischen Gewässern und kehrte erst eine Woche später zurück. Die Anfangszeit brachte für Kurt Langerwisch viele neue Eindrücke mit sich. Die Königsberg hielt Schießübungen ab, begab sich auf Meilenfahrt, und ihre Maschinenanlage wurde in der Werft überholt. Im September folgten dann die Herbstmanöver in Nord- und Ostsee. Schließlich wurde das Gelernte in einer Besichtigung durch den Inspekteur der Marineartillerie abgenommen. Kurt Langerwisch, seit kurzem zum Obermatrosen befördert, wurde nach der Besichtigung zu einem Geschützführer-Flak-Lehrgang an die Küstenartillerieschule nach Wilhelmshaven abkommandiert.














1 Die Besetzung des Sudetenlandes war eine der letzten friedlich verlaufenen Annexionen in Hitlers aggressiver Außenpolitik.

Die Flugabwehr sollte nun zum Fachgebiet seiner seemännischen Laufbahn werden. Der Lehrgang dauerte zwei Monate, so dass Kurt Langerwisch erst kurz vor Weihnachten wieder an Bord der Königsberg zurückkehrte. Sein Schiff lag derweil in der Werft, was ihm wohl Gelegenheit bot, über die Feiertage in den Urlaub nach Hause zu fahren. Im Februar 1938 endete die Werftliegezeit und die Ausbildung und Erprobung des Schiffes begannen von Neuem. Ein Highlight war sicherlich der Besuch der Patenstadt Königsberg im Mai 1938. Mehrere Fahrten als Zielschiff für die U-Bootwaffe, Manöver und die große Flottenparade zum Stapellauf der Prinz Eugen unterbrachen das reguläre Ausbildungsprogramm. Anfang Oktober 1938 wurde Kurt Langerwisch im Rahmen der Annexion des bis dahin tschechoslowakischen Sudetenlandes eingesetzt. In welcher Form dies geschah und ob er direkt mit einer Abordnung der Marine am Einmarsch beteiligt war, oder eventuell mit dem Kreuzer Königsberg als Deckungsverband gegen einen möglichen Kriegsbeginn mit England fuhr, ist nicht bekannt.1 Ende November wurde Kurt Langerwisch – inzwischen Matrosenobergefreiter – für zweieinhalb Monate an das Torpedoboot Möwe ausgeliehen. Dieses war nach seiner zwischenzeitlichen Außerdienststellung Anfang November 1938 wieder in den Dienst genommen worden und brauchte erfahrenes Personal.

























2 Unternehmen „Weserübung“ = Deutsche Besetzung Norwegens und Dänemarks

Kurze Zeit später erhielt Kurt Langerwisch ein neues Kommando an Land. Dieses führte ihn zur 1. Kompanie der 1. Schiffstammabteilung nach Kiel. Vermutlich war er dort als Ausbilder tätig. Im Sommer 1939 wurde er kurz vor Beginn des Krieges für eineinhalb Monate abgezogen und dem Artillerieversuchskommando des Schlachtschiffes Gneisenau zugeteilt. Mit dem Schiff begab er sich in den Südatlantik, wo gemeinsam mit dem Trossschiff Westerwald eine mehrwöchige Ausbildungsreise absolviert wurde.

Kurt Langerwisch als Matrosengefreiter oder -obergefreiter Nach Beginn des Krieges wurde Kurt Langerwisch wahrscheinlich für einen Lehrgang an die Sperrschule nach Kiel kommandiert. Darauf folgte einen Monat später wieder ein Bordkommando, das ihn auf den Kreuzer Karlsruhe führen sollte. Die Karlsruhe war ein Schwesterschiff der Königsberg und damit für Kurt Langerwisch so etwas wie eine alte Vertraute, auf der er sich schnell zurechtfand. Da der Kreuzer gerade eine längere Umbauzeit hinter sich gebracht hatte, wurde ein neuer Besatzungsstamm zusammengestellt. Auf die Indienststellung am 13. November 1939 folgte die Ausbildung und Erprobung, welche unter dem zeitlichen Druck des Krieges stand und mit den Einschränkungen eines strengen Winters zu kämpfen hatte. Obwohl die Karlsruhe noch nicht wieder voll kriegsbereit war, wurde sie zum Unternehmen „Weserübung“2 herangezogen. Dies wurde ihr zum Verhängnis. Nachdem die Karlsruhe ihren Auftrag erfüllt und die eingeschifften Heerestruppen Kristiansand besetzt hatten, wurde sie auf dem Rückweg am 9. April 1940 von dem britischen U-Boot HMS Truant torpediert. Ein Torpedo traf und setzte die Maschinenanlage samt Lenzmitteln außer Gefecht. Langsam begann der Kreuzer zu sinken. Eine Stunde nach dem Treffer stiegen Kurt Langerwisch und die anderen Besatzungsmitglieder auf die begleitenden Torpedoboote um, welche der Karlsruhe schließlich den Todesstoß versetzten. Kurt Langerwisch kam mit dem Schrecken davon. Einen Tag nach seiner Rettung erreichte ihn die Nachricht, dass auch sein erstes Schiff, die Königsberg, nach Bombentreffern gesunken war. Für ihn ging der Krieg weiter. Wie die meisten seiner Kameraden auch erhielt er ein neues Kommando auf dem Schlachtschiff Bismarck. Dieses lag bei Blohm & Voss in Hamburg in der Fertigstellung. So waren die ersten Monate bis zur Indienststellung von der Baubelehrung ausgefüllt.

Hochzeit von Kurt und Doris Langerwisch Der Sommer 1940 war für Kurt Langerwisch aber vor allem von privater Freude geprägt. Am 16. Juli heiratete er seine aus der Hansestadt Danzig stammende Verlobte Doris Prasno. Die Hochzeit wurde auf dem Standesamt von Kirchmöser, einem kleinen Ort gegenüber der Stadt Brandenburg, in dem die Familie Prasno mittlerweile wohnte, gefeiert. Kurt Langerwisch hatte für die Feier Urlaub bekommen, musste aber bald wieder zurück nach Hamburg. Dort wurde die Bismarck im August in Dienst gestellt. Nun begann die Ausbildung und Erprobung des Schiffes. Im Oktober wurde Kurt Langerwisch zum Matrosenhauptgefreiten befördert, damit war er einer der erfahrensten Mannschaftsdienstgrade an Bord. Seine Gefechtsstation war eines der 10,5 cm Flakgeschütze und er gehörte der 6. Division an. Während seiner Zeit in Hamburg gab es häufig Fliegeralarm, und mitunter griff auch die Bordflak in die Abwehr von Luftangriffen auf die Stadt ein. Für Kurt Langerwisch und seine Kameraden bedeutete dies permanente Bereitschaft im Wechsel mit der 5. Division. Die Lage entspannte sich, als das Schiff in die Danziger Bucht verlegt wurde, da sich diese noch außerhalb der Reichweite britischer Bomber befand. Die eigentlichen Übungsschießen der Flak fanden dann im April 1941 statt. Einen Monat später lief Kurt Langerwisch mit der Bismarck zu seiner zweiten Feindfahrt aus. Als Teil der Flugabwehr wurde er auch während der Unternehmung mehrfach gefordert als britische Aufklärer das Schiff beschatteten und Torpedoflieger angriffen. Die Abwehr blieb jedoch ohne Erfolg, kein feindliches Flugzeug wurde abgeschossen. Stattdessen waren es die Torpedoflugzeuge, die der Bismarck den entscheidenden Treffer in die Ruderanlage beibrachten und das Schiff manövrierunfähig dem Vernichtungswerk der eigenen Schlachtschiffe überließen. In das Endgefecht konnte Kurt Langerwisch wahrscheinlich nicht eingreifen, da die schwere Flak gegen die feindlichen Schlachtschiffe nichts auszurichten vermochte. Folglich blieb ihm nur das Ende des Kampfes abzuwarten, dessen schreckliche Bilder sich zeitlebens in sein Gedächtnis einprägen sollten. So sah er den Kopf seines besten Freundes aus einer der Geschützstellungen rollen, die durch den permanenten Beschuss wie wegrasiert waren. Während der letzten Stunden an Bord der Bismarck stand Kurt Langerwisch zusammen mit anderen Überlebenden buchstäblich bis zu den Knöcheln im Blut seiner Kameraden.

Kurt Langerwisch als Kriegsgefangener Mit großem Glück überlebte er das Gefecht und konnte sich von dem sinkenden Schiff in den kalten Atlantik retten. Vom Überlebenskampf im Wasser völlig entkräftet erreichte er den britischen Kreuzer HMS Dorsetshire. Er hängte sich an ein Tau und wurde an Bord gezogen. Man hielt ihn schon für tot und wollte ihn wieder über Bord werfen. Beim Versuch ihm den Ehering vom Finger zu ziehen gab er jedoch ein Lebenszeichen von sich und wurde so gerettet. Mit seiner Rettung begann die Kriegsgefangenschaft, welche Kurt Langerwisch zunächst nach England und später nach Kanada führte. Die erlebnisreiche Zeit in Kanada, wo er zusammen mit anderen Überlebenden als Holzfäller arbeitete und während der er gut behandelt und sehr gut verpflegt wurde, bezeichnete er später als einen der schönsten Abschnitte seines Lebens.
























3 FDGB = Freier Deutscher Gewerkschaftsbund

Familie Langerwisch Anfang der Sechziger Jahre Nach dem Krieg musste er in England zur Wiedergutmachung arbeiten, bevor er in das Munsterlager zurück nach Deutschland überführt wurde. Von dort wurde er im Januar 1947 aus der Gefangenschaft in seine Heimatstadt Brandenburg entlassen. Diese lag in der sowjetisch besetzten Zone und war vom Krieg stark mitgenommen. Dies war für ihn in diesem Moment aber sicher von nachrangiger Bedeutung, denn nach fast sieben Jahren konnte er nun endlich zu seiner Frau Doris zurückkehren. Gern wäre Kurt Langerwisch mit seiner Frau nach Kanada, das ihm aus seiner Gefangenzeit in guter Erinnerung geblieben war, ausgewandert, aber das war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Noch im gleichen Jahr wurde seine Frau schwanger und so musste Kurt Langerwisch, der mittlerweile 30 Jahre alt war, zusehen, dass er schnell wieder in einen Beruf fand. Seine frühere Tätigkeit als Dekorateur konnte er in der zerstörten Stadt nicht fortsetzen, denn zu dekorieren gab es nichts mehr. So besuchte er ab Mai 1947 ein russisches Lehrerseminar und unterrichtete ab dem folgenden Jahr als Sprachlehrer und Lehramtsanwärter an der Grundschule in Glindow und später an der Goetheschule in Brandenburg. Am 10. November 1947 wurde der erste Sohn Bernd geboren, dem drei Jahre später ein weiterer Sohn namens Ralf folgte. Mittlerweile hatte er sich in seinem neuen Beruf etabliert, hatte seine Lehrerprüfung mit der Gesamtnote gut abgelegt und war der SED, dem FDGB3 und anderen Verbänden beigetreten. Ab 1950 folgten Tätigkeiten als Lehrer und Schuldirektor an verschiedenen Brandenburger Schulen. Danach war er Schulinspektor und später Stadtschulrat der Stadt Brandenburg. Seine familiäre Situation gestaltete sich jedoch zunehmend schwierig, da sein jüngster Sohn aufgrund einer frühen Diabeteserkrankung besonderer Betreuung bedurfte und auch seine Frau mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Um sich wieder mehr seiner Familie widmen zu können, bat Kurt Langerwisch schließlich um Entbindung von seiner Funktion als Stadtschulrat und Versetzung zurück in den Schuldienst. Seine letzte Anstellung übernahm er 1966 als Schuldirektor der Otto-Gartz-Oberschule, wo er in den Fächern Russisch, Englisch und Geschichte unterrichtete. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 1981. Im Sommer 1977 verlor Kurt Langerwisch seine Frau, drei Wochen vor ihrem siebenunddreißigsten Hochzeitstag. Später heiratete er ein zweites Mal.

Kurt Langerwisch im hohen Alter

Kurt Langerwisch freute sich sehr auf seinen Ruhestand. Die gewonnene Zeit widmete er denn neben der Familie vor allem für dem Kanufahren. „Bis zuletzt liebte er es bei schönem Wetter mit seinem Kanu über die Brandenburger Havelgewässer zu fahren.“ erinnerte sich seine Enkelin. Kurt Langerwisch war aber nicht nur unternehmenslustig, sondern auch ein sehr humorvoller und kontaktfreudiger Mensch, dessen aufgeschlossenes Wesen ebenso wie seine stets positive Lebenseinstellung seinen Angehörigen besonders in Erinnerung blieben. Seine Enkelin erinnert sich: „Einmal, als ich mit meinen Eltern bei ihm zu Besuch war, sang er mit seiner tiefen Stimme den damals aktuellen Schlager von Udo Jürgens ‚Mit 66 Jahren da fängt das Leben an ...‘ Ich fand das sehr witzig und sang mit, weil das Lied so gut zum Alter und zum Charakter meines Großvaters passte ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, dass der 66. sein letzter Geburtstag sein würde.“ Am Vormittag des 27. Juni 1983 erlitt Kurt Langerwisch auf dem Weg zur Anlegestelle schwerste Verletzungen bei einem tragischen Verkehrsunfall, als er mit einer Straßenbahn kollidierte. Er starb einen Tag später am 28. Juni 1983 mit 66 Jahren. Kurt Langerwisch hatte immer sehr bedauert, dass er sich nicht mit den anderen Überlebenden der Bismarck in Westdeutschland hatte treffen können. Gerne hätte auch er ein Buch über seine Erlebnisse mit dem Schiff und während der Gefangenschaft geschrieben, aber die Umstände in der ehemaligen DDR ließen das nicht zu. Neben seiner zweiten Ehefrau hinterließ er die Familien seiner beiden Söhne sowie zwei Enkelkinder, die es ohne die für ihn so glückliche Rettung nach dem Untergang der Bismarck natürlich nie gegeben hätte. Seine drei Urenkel haben ihn nicht mehr kennengelernt.

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