Schlachtschiff Bismarck | Das wahre Gesicht eines Schiffes
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Matrose

Karl Kuhn

Schiffsschreibstube II, Funkraum B, 7. Division

* 20.1.1923 in Frankenthal Pfalz (Bayern) – † 16.5.2004

Matrose  
Karl Kuhn Deutschland 1923

Deutschland (1923)

Quellen:

Josef Kaiser

„Die Bismarck“ – James Cameron

Karl Kuhn wurde am 20. Januar 1923 in der Pfälzer Stadt Frankenthal geboren. Hier, zwischen den Städten Mannheim und Worms, wuchs er zusammen mit seinen Geschwistern im elterlichen Haus in der Samuel-Heinickestraße auf. Als Hitler an die Macht kam, war er gerade einmal zehn Jahre alt und wurde so mit dem System der nationalsozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen groß. Zunächst war er beim Jungvolk und kam später zur Marine-Hitlerjugend. Dort erlebte er den Drill, machte bei vielen Sportarten, wie Laufen oder Schießen mit und nahm an Wochenendausflügen teil. „Für uns war das ein Riesenspaß“ erinnerte sich Karl Kuhn später. Dass dies in Wahrheit die Vorbereitung auf einen Krieg war, erkannte er erst viele Jahre später; damals hatte er sich mitreißen und fanatisieren lassen. Von der Marine begeistert, meldete er sich 1940, kurz nach Erreichen des Mindestalters von 17 ½ Jahren, freiwillig zur Kriegsmarine und wurde etwa im Sommer des Jahres eingezogen. In Europa tobte zu dieser Zeit bereits der Krieg und schien sich sehr gut für Deutschland zu entwickeln, was ihm die Bestätigung in seiner Entscheidung gab.

Schiffsschreibstube II

Schiffsschreibstube II

(Oberdeck, Abt. VIII)

1

Geheimspind

2

Niedergang ins Aufbaudeck

3

Schiebetür

4

Schreibmaschinenplatz

5

Schreibtisch

6

Schrank

7

Lüfter

8

Waschbecken

Direkt nach der Grundausbildung erhielt Karl Kuhn sein erstes Bordkommando auf dem Schlachtschiff Bismarck, eine Wahl, über die er sehr glücklich und stolz war. In Hamburg sah er sich zum ersten Mal seinem neuen Schiff gegenüber und war schwer beeindruckt von den gewaltigen Dimensionen. Sogleich überkam ihn ein Gefühl von Sicherheit. Auf einem so großem Schiff könne ihm ja gar nichts passieren, dachte er und sein erster Eindruck wurde ihm dann auch noch von seinen neuen Kameraden bestätigt, die das Schiff gar für unsinkbar erklärten. Natürlich war er auch stolz, gleich als erstes ein so bedeutendes Kommando zu bekommen. An Bord wurde er der 7. Division zugeteilt und in der Schiffsschreibstube II, im achteren Teil des Oberdecks, eingesetzt. Hierbei handelte es sich um einen kleinen Raum mit drei Arbeitsplätzen, einschließlich einer Schreibmaschine. Karl Kuhn war für den Informationsaustausch zwischen den Stationen des Schiffes und dem Marinehauptquartier zuständig. Die Kammer des Adjutanten befand sich in unmittelbarer Nähe. Dieser diktierte ihm Befehle, die Karl Kuhn aufzunehmen und weiterzuleiten hatte. Seine Gefechtsstation befand sich weit unten im Schiff im Funkraum B.

Als die Bismarck aus Hamburg auslief, um in der Ostsee Erprobungs- und Ausbildungsfahrten zu absolvieren, stand Karl Kuhn an Oberdeck. Am Ufer konnte er beobachten, wie viele Mädchen dem Schiff mit Taschentüchern zuwinkten. Es war ein sehr beeindruckender Anblick, erinnert er sich später. Über die große Anteilnahme war er im gleichen Maße erstaunt wie überrascht, denn eigentlich war der Auslauftermin Geheimsache. Sicher hatte es sich herum gesprochen, und auch das eigentliche Auslaufen eines so riesigen Schiffes konnte natürlich nicht geheim bleiben. Viele seiner Kameraden, die schon zur Baubelehrung an Bord gekommen waren, hatten Freundinnen in der Stadt. Da in Hamburg generell wenig Marine vertreten war, hatten sie mit ihrer schicken Marineuniform auch bessere Chancen bei den Mädchen, erinnerte sich Karl Kuhn. Etwas wehmütig, auch angesichts dieser vertanen Gelegenheit, nahm er Abschied von der Hansestadt, freute sich aber auch auf die neue Herausforderung und dass es nun endlich los gehen würde.

Karl Kuhn am Bug der Bismarck, augenommen im Frühjahr 1941

Die nun folgende Ausbildung in der Ostsee verlief unter den kritischen Augen von Kapitän z.S. Lindemann doch strenger, als Karl Kuhn es erwartet hatte. Ständig wurden die gefahrenen Gefechtsbilder wiederholt und laufend hatte der Kommandant etwas an ihrer Ausführung auszusetzen. Für Karl Kuhn, mit seiner Dienststelle in der Schreibstube, bedeutete dies auch eine Menge Schreibtischarbeit, da alles genau protokolliert wurde. Die eigentlichen Artillerieschießen kamen ihm im Vergleich zu den ununterbrochen geübten Gefechtsbildern direkt ruhig vor. Mit einem Gefühl der Ungeduld und des Stolzes sehnte er sich der bevorstehenden Unternehmung entgegen, um endlich zeigen zu können, wofür sie die ganze Zeit so hart trainierten hatten und zu welchen großen Leistungen sie in der Lage waren.

Anfang Mai 1941 kündigte Fregattenkapitän von Puttkamer (Hitlers Marineadjutant) den geplanten Besuch Hitlers auf der Bismarck an und diktierte Karl Kuhn, wann genau er eintreffen würde. Wenig später trat der Achtzehnjährige zum ersten Mal, mächtig stolz, seinem obersten Dienstherren, auf welchen er seinen Eid geleistet hatte, gegenüber. Kurz darauf lief die Bismarck zusammen mit der Prinz Eugen unter der Führung des Flottenchefs Admiral Lütjens aus. Für den Matrosen Karl Kuhn und die meisten seiner Kameraden begann die erste lang ersehnte Feindfahrt. Von Gotenhafen ging es durch das Kattegat und den Skagerrak in die Nordsee. Zunächst lief der Verband in die norwegischen Fjorde bei Bergen ein, wo die Prinz Eugen Heizöl nachbunkerte. Karl Kuhn kam sich vor wie auf einem Ausflug. Es war ein Tag mit herrlichem Sonnenschein, den er und seine Kameraden an Oberdeck liegend beim Betrachten der Fjordlandschaft genossen. Dass ihr Auslaufen bereits von dem Gegner bemerkt worden war, ahnte er noch nicht. Umso überraschter war er, als sein Schiff kurz nach dem Durchbruch in den Atlantik von britischen Schiffen zunächst gesichtet und dann zum Gefecht gestellt wurde. Von seiner Gefechtsstation im Funkraum B aus verfolgte er das Geschehen so gut es ging. Bei der Größe des Schiffes dauerte es ein wenig bis sich die Nachricht von der Versenkung der HMS Hood bis zu ihm herumgesprochen hatte. Sie löste einen sehr großen Jubel unter der Besatzung aus. Dass dort auf der anderen Seite Menschen gestorben waren wurde ihm damals nicht wirklich bewusst. „Ich habe nie einen Engländer getroffen, aber ich hasste sie.“ erinnerte sich Karl Kuhn später: „Es dauerte lange, bis dieser Hass verloschen war. Wir waren so fanatisch damals und irgendwann fragt man sich: Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Heute sind die ehemaligen Feinde zu Freunden geworden. Warum konnte das nicht auch damals schon so sein?

In der Nacht nach dem Gefecht konnte sich die Bismarck vom Gegner lösen, wurde dann aber wieder eingepeilt und mit noch stärkeren Kräften gejagt. Ihre Chancen, an die besetzte französische Küste durchzustoßen, standen jedoch gut und Karl Kuhn vertraute fest auf ein Gelingen. Erst als der Flottenchef in einer Ansprache an die Besatzung diese auf ein weiteres schweres Gefecht einschwörte, bei dem es um Siegen oder Sterben gehe, fühlte er sich auf den Boden der Tatsachen zurückversetzt, sein Optimismus blieb jedoch ungebrochen. Mit dem Torpedotreffer in die Ruderanlage am Abend des 26. Mai 1941 wurde die Mahnung des Flottenchefs für ihn zur unabwendbaren Gewissheit. Während der Nacht zog der Feind seine Streitkräfte zum Gefecht am nächsten Tag zusammen. Im Funkraum hörte Karl Kuhn immer wieder Meldungen über die näher kommenden schweren britischen Einheiten, die sein Schiff langsam einschlossen.

Karl Kuhn 2002 in einem Interview bei Johannes B. Kerner

Am nächsten Tag begann das ungleiche Gefecht. Karl Kuhn konnte während dessen nur auf seiner Gefechtstation tatenlos ausharren und weiteres abwarten. Im Funkraum B, gelegen im Oberen Plattformdeck, hatte er eine sichere Station, die ihm durch den Zitadellpanzer Schutz vor den feindlichen Granaten bot. So überstand er das über ihm tobende Gefecht unbeschadet. Im Schiffsinneren blieb fast alles intakt, so auch die Bordlautsprecheranlage, über die er noch den Schlager „Komm zurück“ vernahm. Als das Kommando „Schiff wird gesprengt, Schiff verlassen“ Karl Kuhn endlich erreichte, war es zu spät, um noch in Ruhe nach einem sichern Fluchtweg zu suchen. Blindlinks lief er seinen Kameraden hinterher. In den unteren Decks drängte sich eine verängstigte Menschenmasse durch die Gänge auf der verzweifelten Suche nach einer Öffnung. Karl Kuhn hatte Glück und fand einen Weg nach oben. Als er an seiner Schreibstube vorbei lief, sah er auf einmal Licht und folgte diesem ins Freie. An Deck erwartete ihn ein Bild des Grauens. Die Beschädigungen hatten die Geschütze außer Gefecht gesetzt, das Schiff verformt und Trümmerteile verstreut. Viele Tote langen herum. An Oberdeck bahnte er sich seinen Weg nach achtern bis zum Turm Dora, wo er sich einer kleinen Gruppe Überlebender anschloss. Zu der Gruppe stieß bald der Kapitänleutnant Müllenheim-Rechberg. Gemeinsam warteten sie einen günstigen Zeitpunkt ab, um über Bord zu springen. Als dieser dann gekommen war, wies Müllenheim-Rechberg die Männer an, ihre Schwimmwesten aufzublasen und das Schiff zu verlassen. Zuvor grüßten sie noch mit angelegter Hand an der Mütze ihre gefallenen Kameraden. Dann sprangen sie einzeln an Steuerbordseite ins Wasser. Als er in der schwer gehenden, kalten See trieb, völlig hilflos, sich aus seiner Situation selbst zu retten, erfasste Karl Kuhn die Angst. Er erinnerte sich: „Jetzt habe ich erst richtig gemerkt, jetzt geht es dir an den Kragen, jetzt bist du dran.“ Doch er hatte Glück. Der britische Kreuzer HMS Dorsetshire eilte den Überlebenden zur Hilfe und rettete auch Karl Kuhn aus dem Wasser. Mit 18 Jahren war er der zweitjüngste der Geretteten. Erst langsam begriff er, welches Glück er doch gehabt hatte, den Untergang zu überleben. Die dramatischen Erlebnisse ließen ihn zeitlebens nicht mehr los.

Brief von Karl Kuhn aus der Gefangenschaft

Mit der Rettung begannen für ihn die langen Jahre der Kriegsgefangenschaft. Zunächst kam Karl Kuhn nach England und später nach Kanada, wo er als Holzfäller lange Zeit im kanadischen Busch verbrachte. Er hatte viel Zeit, nachzudenken und wurde sich langsam bewusst, wem er eigentlich gedient hatte. Nach seiner Heimkehr lebte er in dem kleinen Ort Weisenheim am Berg im Pfälzer Wald. Die Erlebnisse mit der Bismarck ließen ihn nie los. Auch noch im hohen Alter beschäftigte er sich mit dem Thema. Als dann anlässlich des sechzigigsten Jahrestags des Untergangs das Angebot kam, eine Filmcrew auf die Expedition zum Wrack der Bismarck zu begleiten, konnte er nicht ablehnen.

Zusammen mit Walter Weintz brach er im Mai 2002 zu der Expedition auf. Für die beiden wurde sie zu einer bewegenen Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Am Ort des Geschehens angekommen, hielt die Besatzung sichtlich gerührt eine Gedenkfeier ab. Walter Weintz und Karl Kuhn warfen nach einer Ansprache, in der sie der Toten gedachten und mit dem Aufruf zum Frieden ihre persönliche Erfahrung und Lehre aus dem Krieg weitergaben, einen Kranz in die See. Danach begannen die Tauchfahrten zum Wrack ihres Schiffes, zu dessen Teilnahme auch sie eingeladen wurden. Karl Kuhn und Walter Weintz mussten das Angebot jedoch aufgrund ihres hohen Alters und der großen Anstrengung ablehnen. Während der Tauchfahrten entsandte eines der Tauchboote einen kleinen ferngesteuerten Kameraroboter durch ein Einschussloch in das Schiffsinnere. Angeblich tauchte der Roboter dabei in die Schiffsschreibstube II, Karl Kuhns altem Arbeitsplatz an Bord, hierbei handelte es sich jedoch um eine Verwechselung, die angesichts der großen Verwüstung nicht verwundert. Tatsächlich fuhr der Roboter in die Offiziersmesse des Schiffes. Von dem Irrtum merkte auch Karl Kuhn selber nichts, er glaubte sich zurück versetzt an den Ort seines früheren Wirkens von vor über 60 Jahren. Zwei Jahre später, am 16. Mai 2004, verstarb Karl Kuhn im Alter von 81 Jahren.

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